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Wenn man in ein Geschäft geht, wackelt alles (5. Dezember 1998)
Die U3 erobert Ottakring; in zwei Jahren wird man von hier in 25 Minuten nach Simmering sausen können. VON EVA MALE
WIEN. Während heute, Samstag, mit viel Getöse die neue U3-Teilstrecke nach Ottakring feierlich eröffnet wird, läuft die Verlängerung dieser U-Bahn-Linie in die andere Richtung, also nach Südosten, auf Hochtouren. Im Dezember 2000 soll der Silberpfeil von Ottakring bis Simmering flitzen. "Die Bauzeit von insgesamt vier Jahren ist knapp bemessen, wir sind ganz schön unter Druck, damit die Versprechen der Politiker eingehalten werden", erklärt Walter Zemen, zuständig für die Bauaufsicht im Bauabschnitt bei der zukünftigen Station "Enkplatz". Zusätzlich sei es durch Vergabesperren zu kleinen Behinderungen gekommen, etwa bei der Gleisbauvergabe.Obwohl Frauen im Tunnel nicht zugelassen sind - es sei denn als Patin - gewährt Zemen der Redakteurin Einblick in die Unterwelt. Scheinbar ins Unendliche erstreckt sich der Tunnel, seltsam hohl, ohne Innenleben. Eine halbfertige Station, Stufen, die ins Nichts führen, Tauben, die in einer Nische nisten. Die Tauben stört der Baulärm nicht. Insgesamt wird an vier Baustellen an der Gesamtverlängerung von Erdberg nach Simmering um 3,2 Kilometer gebaut. Vier neue Stationen entstehen: Gasometer, Zippererstraße, Enkplatz, Simmering.
Ohne gröbere Unfälle
Laut Zemen sind die Tunnelröhren im Ausbruch fertig, man steckt nun mitten im Rohbau sowie im Streckenausbau. "Wir haben es vermeiden wollen, die Simmeringer Hauptstraße so massiv aufzugraben wie die Mariahilfer Straße, und wollten sie zugleich an mehreren Punkten anbinden", so Zemen. "Daher haben wir die Trasse weiter nach Süden geschwungen." Bisher ist alles ohne gravierende Unfälle abgegangen. In Spitzenzeiten arbeitete man in Schichten Tag und Nacht, manchmal auch am Wochenende, hochkonzentriert. Der Winter bereitet erst Probleme, wenn die Temperatur unter Minus elf Grad sinkt. Auch daß man unter vielen Privatgrundstücken durchgraben mußte, führte zu Schwierigkeiten. Denn nicht jeder läßt sich gern seine Liegenschaft (und seine Autorität) untergraben. "Außerdem hat die zum Teil angewandte offene Bauweise in Innenhöfen die Lebensqualität der Bewohner ziemlich beeinträchtigt", gibt Zemen zu. Er weiß freilich aus Erfahrung, daß es im U-Bahn-Bau "während der Bauarbeiten nie ein positives Echo gibt". Am Tag der offenen Tür habe man aber rund 2000 Menschen durchgeschleust, die beeindruckt waren, was unter ihren Häusern in 16, 17 Meter Tiefe so alles passiert. An der Oberfläche bereiten die Bauarbeiten den Simmeringern freilich Unannehmlichkeiten. "Wenn man hier in ein Geschäft geht, wackelt alles", meint eine ältere Dame. "Die Geschäftsleute haben durch die Bauarbeiten ganz schönen Schaden erlitten." "Aber die Jungen sind ganz begeistert. Sie hätten freilich gern, daß die U3 nicht nur nach Simmering fährt, sondern weiter bis zum Leberberg." Denn der bleibt, obwohl mittlerweile fast 10.000 Menschen hier wohnen - nur knapp weniger als in Eisenstadt - , unangeschlossen in der Peripherie. |