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Seltsame Gehäuse (1999)
Die vier Simmeringer Gasometer, das Wahrzeichen des südlichen Wiener Stadtrandes, sollen zu Wohnhäusern umfunktioniert werden. Von Ute Woltron
Der Südrand Wiens franst in die gleiche langweilige Industrielandschaft aus wie alle Großstadtränder von Sao Paulo bis Wladiwostok. Hüttelwerk, Hallen und Gstetten soweit das Auge reicht. Mittendrin stehen aber, was andere Metropolen nicht haben, vier mächtige Backsteingebäude, kreisrund, gut sechzig Meter hoch, hundert Jahre alt. Die Simmeringer Gasometer prägen das Stadtbild, sie gehören zu Wien wie Stephansdom und Riesenrad und sind der erste markante Blickfang auf der Strecke von Schwechat in die Bundeshauptstadt.
An den denkmalgeschützten, seit 1985 leerstehenden und europaweit einzigartigen Gasbehältern entzündet sich jetzt eine architekturpolitische Diskussion, die schon seit einiger Zeit schwelt und die der Eigentümer der Riesentonnen, der Wiener Wirtschaftsförderungsfonds (WWFF), lieber unter Ausschluß der Öffentlichkeit abfackeln würde. Der Fonds will die Gasometer künftig zu riesigen Wohnhüllen umfunktionieren und in ihrem Inneren 900 geförderte Wohneinheiten, ein Einkaufszentrum, eine Rockhalle und entsprechende Infrastruktur unterbringen.
Richtig glücklich ist über dieses Konzept niemand - weder Architekten noch beteiligte Bauträger. Architekt Gustav Peichl scheint die Idee ähnlich absurd, "als ob man in den Stephansdom Garagen bauen würde". Und Kollege Hubert Hermann kommt die Sache vor, "als ob man ein Huhn mit einem Schweinedarm vollstopfen" wolle. Die Gasometer beeindrucken nicht allein durch ihre Außenerscheinung. Auch die Innenräume bestechen in ihren ungeheuren Dimensionen: An die 70 Meter Raumhöhe, ein Durchmesser von 60 Metern, riesenhafte Fensteröffnungen, faszinierende Lichtspiele und Schalleffekte vermitteln dem Betrachter das Weihegefühl, sich als Zwergmaus in einer Art Kathedrale der Industriearchitektur zu befinden.
Trotzdem sollen diese Innenräume verbaut werden - allerdings, so will es das Bundesdenkmalamt, ohne die historische Substanz maßgeblich zu verändern. Nur die Kuppeln dürfen entfernt und durch transparente Gerüste derselben Form ersetzt werden. Erste Vorplanungen für die Wohnbebauung in den Türmen sind bereits im Vorjahr erfolgt: Der WWFF forderte drei Architekturbüros - Jean Nouvel, Coop Himmelblau und Manfred Wehdorn - auf, für je einen Gasometer Vorschläge zu unterbreiten.
Der französische Stararchitekt Nouvel teilte den ungewöhnlichen Bauplatz in 18 Zitronenspaltensegmente und mühte sich, mittels polierter Metallfassaden das Licht im Zylinder zu multiplizieren. Die Coops ersannen einen ringförmigen azentrischen Baukörper und durchdrangen kurzerhand die beengende historische Hülle mit einer Rock- und Veranstaltungshalle. Und Manfred Wehdorn schichtete Wohnringe übereinander in den Bestand.
Ein öffentlicher Bauträgerwettbewerb im Frühjahr hätte schließlich den Architekten des vierten Turmes bestimmen und eine endgültige Entscheidung über die Gestaltung aller vier Gasometerinnenleben herbeiführen sollen. Doch das Wettbewerbsergebnis beeindruckte Anfang Mai die Jury so wenig, daß sie zwar das Projekt von Architekt Wilhelm Holzbauer (mit der Bauträgergemeinschaft SEG und GPA) empfahl, des weiteren aber vorsichtig zur Weiterbearbeitung des gesamten Konzepts aufrief. Ihre Bedenken richteten sich allerdings nicht gegen Holzbauers Entwurf - einen plausiblen Turm im Turm, mit zentraler Erschließung und sternförmigem Grundriß, der drei Innenhöfe entstehen läßt. Es ist vielmehr die Grundidee des gesamten Vorhabens, die den Juroren fragwürdig schien.
Vorsitzender und Städtebauprofessor Kunibert Wachten: "Alle in der Jury hatten im Grunde genommen ein flaues Gefühl im Bauch. Wir haben so den letzten Strohhalm ergriffen, um zu sagen, daß das gesamte Projekt nicht unsere Überzeugung hat. " Der Grund: "Ein derartig ungewöhnliches Gehäuse braucht eine ungewöhnliche Reaktion, ich habe den Eindruck, man tut jetzt sowohl dem Gebäude als auch den künftigen Wohnungen Gewalt an."
Neben Holzbauers Siegerentwurf, der sich als einziger an die Ausschreibungsvorgaben gehalten hatte und somit konkurrenzlos war, bewertete die Jury nur noch zwei weitere Projekte. (Von 57 Teilnehmern hatten nur fünf durchgehalten und abgegeben, zwei davon wurden wegen völliger Mißachtung der Vorgaben sofort ausgeschieden. ) Diese beiden - von den Teams Peichl & Weber und Hermann & Valentiny - vertreten eine andere Denkschule, die den meisten Juroren plausibel schien: Sie legten in ihren Entwürfen die Wohnbebauung vor die Gasometer und nutzen die Innenräume anderwertig. Wachtens Urteil: "Stadtgestalterisch problematisch, ökonomisch aber höchst sinnvoll."
Das Juryprotokoll, in dem all diese Bedenken und Abwägungen fein säuberlich geschrieben stehen, haben bis heute nicht einmal die Wettbewerbsgewinner zu Gesicht bekommen.
WWFF-Geschäftsführer Robert Wolfgring hielt es bisher genauso unter Verschluß wie die Alternativprojekte, die jetzt Ärger, weil Diskussion entfachen.
Er ist der einzige, der wirklich hinter dem Haus-im-Haus-Konzept steht, und seine Beweggründe liegen klar auf der Hand: Mit dem gemeinnützigen Unternehmensziel des Fonds vor Augen, Grundstücke zum Zwecke der Industrieansiedelung und Arbeitsplatzbeschaffung zu kaufen und bereitzustellen, hat er vor nunmehr fünf Jahren das Grundstück um rund 70 Millionen Schilling erworben. Jetzt ist es langsam an der Zeit, es wieder loszuwerden. Der Grundstückspreis hält mittlerweile bei gut 170 Millionen Schilling. Sinnvolle und realisierbare Konzepte sind niemandem eingefallen, bis die rettende Idee der Wohnbebauung kam.
Alle vier Gasometer in ihrer kathedralenhaften Leere zu erhalten ist wahrscheinlich unmöglich. Warum aber nicht zumindest einen einzigen? Die beiden Alternativvorschläge haben den Denkanstoß geliefert und die Möglichkeit aufgezeigt, an die sich bislang keiner herangewagt hat. Der Grund dafür mag sein, daß alle Folgekonzepte auf einer Grundidee basieren, die Manfred Wehdorn vor Jahren entwickelt hat: oben öffnen, innen reinbauen, äußeres Erscheinungsbild wahren. Das ist ganz im Sinne des Bundesdenkmalamtes, und Wehdorns Naheverhältnis zu den Konservierern des Kulturerbes ist sprichwörtlich.
Ab Donnerstag, also gute sechs Wochen nach dem Wettbewerb, wird der WWFF die Projekte in der Ausstellung "Gasometer Simmering: Gestern - Heute - Morgen" im Wiener Architekturzentrum präsentieren. Zu diesem Zeitpunkt sind die Kaufverträge für die Bauträger so gut wie abschlußreif. Eine Podiumsdiskussion zum Thema wurde von Robert Wolfgring abgesagt. |