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Leben im Gasometer (Februar 2002)
Die markanten Industriedenkmäler sind beliebtes Ausflugsziel für Design-Fans aus aller Welt. Innenansichten eines der hippesten Architekturprojekte Wiens.
Sie sind neben dem Museumsquartier Wiens aktuellstes Prestigeprojekt: die Gasometer in Simmering. Umgebaut von höchst renommierten Architekten - Jean Nouvel, Coop Himmelb(l)au, Manfred Wehdorn und Wilhelm Holzbauer gestalteten je eines der Bauwerke - sind sie Anziehungspunkt für DesignFreaks aus aller Welt. Und heiß begehrte Wohnobjekte. Nach fünfjährigen Umbauarbeiten entstanden in den Ziegelhüllen der 102 Jahre alten und 70 Meter hohen Industriemonumente 615 Wohnungen sowie 11.000 m2 Bürofläche. Außerdem beherbergen die Gasometer ein Studenten- und ein Kindertagesheim, eine Shoppingmall mit 22.000 m2 sowie eine Veranstaltungshalle für 4200 Gäste. Im angrenzenden, neu gebauten „fünften" Gasometer befinden sich das Hollywood Megaplex-Kino mit zwölf Sälen und ein Restaurant- und Entertainmentbereich. Bewohnt wird die Mega-Anlage hauptsächlich von jungen Singles und Thirty-something-Paaren.
DIE RAUMFAHRER
„Manche kommen zu uns in die Wohnung und finden sie schrecklich", grinst Boris Huber, „andere sagen, sie würden sich nicht wundern, wenn hier gleich ein Raumschiff landet." Den futuristischen Look findet Huber, seines Zeichens Bauingenieur, jedenfalls schon von Berufs wegen faszinierend. „Aber die wirkliche Spannung entsteht durch die Gegenüberstellung von alt und neu, urban und nostalgisch", schwärmt der Techniker.
Endgültig überzeugt waren die Hubers aber angesichts des relativ günstigen Kaufpreises. „20.000 Schilling für den Quadratmeter sind ein schlagendes Argument", so der 36-jährige. „Um den Preis bekommt man nichts Vergleichbares." Nicht einmal der Straßenlärm, der ab und zu von der Südosttangente herüber weht, stört. Denn „Vorher haben wir in Gürtelnähe gewohnt", so Christine Huber, „da war es viel lauter." Schade findet sie nur, dass es so wenige Kinder in den Gasometern gibt - in Christinas Kindergartengruppe tummeln sich gerade mal zehn Zwerge. „Aber es werden schon noch mehr werden", hofft die 32-jährige Mutter. Bestimmt. Denn immerhin sind die meisten Gasometer-Bewohner zwischen 20 und 40 Jahre - das ideale Alter zum Kinder-Kriegen.
DER ÜBERFLIEGER
„Am liebsten würde ich ja im Hotel wohnen", gesteht Hobbypilot Martin Stacherl und schaut dabei in den roten Wintersonnenuntergang, „aber sonst kommt diese Wohnung meinen Träumen sehr nahe. Es ist hier oben fast wie im Flugzeug." Womit er nicht unrecht hat. Von seinem Bett aus - rechts und links davon zwei 20 m2 große Terassen - eröffnet sich ihm ein einzigartiges Panorama. Der Blick reicht vom Rinterzelt im Nordosten Wiens bis zum Stephansdom, vom burgenländischen Leithagebirge bis zum niederösterreichischen Schneeberg. Und dann auch noch die spektakulären Sonnenuntergänge über den Dächern Wiens: „Das ist Luxus, den ich nicht mehr missen will,"
Abgesehen vom Flieger-Feeling war es die extravagante Architektur, die den Reisebüroeigentümer Stacherl in den Gasometer gelockt hat. Das sogenannte „Schild", ein 18-stöckiger Anbau an den Gasometer B, ist das einzige nach außen hin sichtbare Zeichen für die Modernisierung der ehemaligen Gasbehälter. „Das ist urbanes Wohnen", so Stacherl, „wie ich es mir vorstell". Außerdem kenne ich fast alle meine Nachbarn. Es macht Spaß, hier zu sein."
DIE DESIGN-FREAKS
„Es ist ein Paradies", schwärmen die Daniels unisono, „perfekt für unsere jetzige Lebenssituation." Und sprudeln los: die Transparenz der Wohnungen („Man ist allein, aber nie einsam"), die Nachbarn („Eine unheimlich freundliche Atmosphäre, wir haben oft spontan Gäste"), die Nahversorgung („Wir fahren einfach mit dem Aufzug in den Supermarkt im Erdgeschoss"), der Kindergarten für Aline („Wir müssen gar keine Jacke anziehen"), die Nähe zur Innenstadt („Mit dem Auto braucht man keine zehn Minuten bis in unser Büro im 4. Bezirk") - all das hat die Daniels bewogen, hierher zu ziehen.
Funktionalität gepaart mit hoher Ästhetik. Dieses Motto ziehen die Daniels konsequent durch: in ihrer eigenen Werbeagentur ebenso wie im Design ihrer Wohnung. „Ein befreundeter Architekt, der in Kanada lebt, hat die Wohnung für uns per Telefon und Internet durchgeplant", erzählen die beiden Design-Freaks. „Selbst für die Beleuchtung haben wir einen Lichtdesigner aus Kanada beauftragt." Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Und das wird es auch. Wenn wieder einmal spontan Gäste vorbeikommen.
DIE WOHNRAUM TÜFTLER
Christa Neubauer ist ein Unikat. Denn sie ist eine der ganz wenigen „Gasometti", die auch in Simmering aufgewachsen ist. Dass sie mit Tochter Nina und Lebensgefährten Andreas im Gasometer gelandet ist, war aber purer Zufall. Die Annäherung an den runden Ziegelbau erfolgte jedenfalls vorsichtig. Immer wieder sind sie zu dritt die 280 Stufen im Rohbau hinaufgeklettert, haben über den Plänen gebrütet und sich den Kopf über Dachschrägen, ungerade Winkel und dazu passend Möbel zerbrochen „Das war nicht immer leicht", sagt Christa Neubauer, immer musste man sich fragen: Hau' ich ma da nicht den Kopf an? Ist die Zimmerdecke hier für den zwei Meter hohen Kasten hoch genug? Und so weiter." Schön langsam lebt sich das Paar hier aber ein - und will vor allem die Infrastruktur nicht mehr missen. „Es ist herrlich, ich gehe quasi in Hauspatschen ins Kino", lacht die AUA-Angestellte. Ein Ort zum Altwerden also? „Auf jeden Fall", sagen Neubauer und Lebensgefährte Nittel unisono, „solange wir die vielen Stufen in der Wohnung rauf und runter schaffen, bleiben wir da." |